Geschäftsmodelle, soziale Systeme und Innovation aus systemischer Perspektive von Maximilian Schaut und Dorothea Oehm, Carl-Auer Verlag 2022, 157 Seiten
Das Buch „Und sie verändern sich doch …!?“ analysiert Geschäftsmodelle als dynamische soziale Systeme, die sich kontinuierlich weiterentwickeln müssen, um mit einer sich verändernden Umwelt Schritt zu halten. Es zeigt, dass Geschäftsmodelle nicht nur aus Strukturen und Prozessen bestehen, sondern durch kommunikative Entscheidungen geformt werden.
Dabei stellen die Autor*innen heraus, dass Geschäftsmodellinnovationen nicht isoliert erfolgen, sondern stets in einem organisationalen Kontext verankert sind. Sie sind nicht nur wirtschaftliche Anpassungen, sondern auch soziale Prozesse, die bestehende Strukturen, Entscheidungsroutinen und Unternehmenskulturen beeinflussen.
Das Buch lehnt sich stark an die Systemtheorie Niklas Luhmanns an und liefert eine wissenschaftlich fundierte Analyse von Geschäftsmodellinnovationen.
Inhalt und zentrale Themen
Nach einer Einführung in verschiedene betriebswirtschaftliche Geschäftsmodellansätze – darunter der ressourcenbasierte, aktivitätsbasierte, wertebasierte und netzwerkbasierte Ansatz – erläutern die Autor*innen die Nützlichkeit einer systemischen Geschäftsmodelltheorie.
Diese ermöglicht es, Unternehmen als Gesamtsystem zu betrachten und deren Wechselwirkungen mit ihrer Umwelt zu verstehen. Ziel ist es, die Eignung und Effektivität dieses systemischen Ansatzes zu reflektieren und praxisnah zu beleuchten
Vier zentrale Strukturtypen eines Geschäftsmodells stehen im Mittelpunkt:
- Entscheidungsprogramme – Welche Routinen und Regeln steuern das Geschäftsmodell?
- Kommunikationsstrukturen – Wie beeinflusst Kommunikation die Geschäftsmodellentwicklung?
- Personal – Welche Rolle spielen Menschen als Kommunikator*innen im System?
- Unternehmenskultur – Wie stabilisiert oder verhindert Kultur Veränderungen?
Evolutionäre Entwicklung von Geschäftsmodellen
Ein zentrales Thema ist die evolutionäre Entwicklung von Geschäftsmodellen. Die Autor*innen zeigen auf, dass Innovationsprozesse nicht linear verlaufen, sondern in iterativen Schleifen, in denen strategische Entscheidungen immer wieder an neue Gegebenheiten angepasst werden müssen:
- Koevolution & Emergenz – Geschäftsmodelle entwickeln sich nicht isoliert, sondern in Wechselwirkung mit Marktveränderungen, technologischen Entwicklungen und gesellschaftlichen Trends.
- Irritation & Variation – Externe und interne Impulse führen zu Störungen in bestehenden Geschäftsmodellen, die Anpassungen notwendig machen.
- Selektion & Destruktion – Unternehmen treffen bewusste oder unbewusste Entscheidungen darüber, welche Elemente eines Geschäftsmodells weitergeführt oder verworfen werden.
- Retention & Diffusion – Erfolgreiche Geschäftsmodellinnovationen etablieren sich und breiten sich innerhalb oder über Organisationsgrenzen hinaus aus.
Unsicherheit ist dabei eine ständige Begleiterin der Veränderung. Unternehmen agieren nicht in einem stabilen Umfeld, sondern müssen durch Kommunikation und Entscheidungsprozesse ihre Handlungsfähigkeit immer wieder neu ausloten.
Widerstand als Innovationsmotor
Maximilian Schaut und Dorothea Oehm zeigen, dass Veränderungsprozesse auf Widerstand treffen – und dass dies ein zentraler Bestandteil von Innovation ist. Widerstand ist nicht nur eine Hürde, sondern auch eine wertvolle Ressource, um zu erkennen, wo bestehende Strukturen mit neuen Ansätzen kollidieren. Unternehmen, die diese Widerstände aktiv nutzen, können gezieltere Veränderungen herbeiführen.
Führung als gestaltender Faktor in Innovationsprozessen
Führung wird in diesem Buch nicht nur als strategische Steuerung betrachtet, sondern als entscheidender Faktor für die Schaffung eines Umfelds, in dem Veränderung möglich ist. Dazu gehören:
- Die Vermittlung von Sinn und Vertrauen
Ohne eine klare Richtung und ein übergeordnetes Ziel kann keine nachhaltige Transformation stattfinden. - Offenheit für Experimente und iterative Prozesse
Nicht jede Innovation setzt sich sofort durch. Unternehmen müssen daher mit Unsicherheiten umgehen und Veränderung als kontinuierlichen Lernprozess verstehen. - Einbindung relevanter Akteur*innen
Transformation gelingt nur, wenn alle Beteiligten Teil des Veränderungsprozesses sind und nicht nur „von oben“ Vorgaben erhalten.
Externe Umweltfaktoren als Treiber von Geschäftsmodellinnovationen
Die Autor*innen betonen, dass Veränderungen oft nicht aus dem Unternehmen selbst heraus entstehen, sondern durch externe Faktoren angestoßen werden. Globale Krisen, wirtschaftliche Umbrüche oder neue technologische Entwicklungen können als Katalysatoren wirken und Anpassungsdruck erzeugen:
- Innovation entsteht oft nicht aus innerem Antrieb, sondern durch äußeren Druck.
- Das richtige Timing ist entscheidend – Unternehmen müssen erkennen, wann Veränderungen notwendig sind, um nicht den Anschluss zu verlieren.
- Flexibilität ist ein Erfolgsfaktor – Wer sich schnell an neue Rahmenbedingungen anpassen kann, hat langfristig Vorteile.
Fazit und Empfehlung
Das Buch liefert eine fundierte, systemtheoretische Analyse von Geschäftsmodellen und deren Innovationsprozesse. Ich empfehle dieses Buch für Führungskräfte, Berater*innen, Organisationsentwickler*innen, Wissenschaftler*innen und Studierende, die verstehen möchten, warum Veränderung oft scheitert – und wertvolle Impulse für gelingende langfristige Transformationen suchen.
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